| Nocturne:
Grau und Gold - Schnee in Chelsea
Bildbetrachtung von Inga Schnekenburger
Diese selten stimmungsvolle Nachtszene
eines Winter-Bildes, in der der Schnee
wie ein weicher Teppich vor uns ausgebreitet
wird, hat eine seltsam warme Ausstrahlung.
Die lockenden warmen Lichter ziehen den
Betrachter ebenso wie die dargestellte
Gestalt zu den Häusern.
Der gesamte Vordergrund ist eine einzige
Schneedecke. Durch die Mauer links und
die Straße rechts oben wird eine
perspektivische Bewegung in Richtung Bildinneres
erzeugt. Es geht vorwärts, es geht
aufwärts, es geht dem Licht und den
bewohnten Häusern entgegen. Wie Sterne
funkeln die Lichter der weiter zurückliegenden
Häuser. Die Grenze zum Nachthimmel
ist weich und ohne erkennbare Konturen
gemalt.
Das Gemälde erzählt von "nach
Hause kommen", es erzählt von
einem Menschen, der allein nachts auf
der Straße ist, und doch ist nichts
von Bedrohlichkeit zu spüren. Die
Wärme, die das Bild - trotz des vorhandenen
Schnees - ausstrahlt, mag die wohlige
Wärme vorwegnehmen, die den nächtlichen
Wanderer im Haus erwartet.
Und wenn man das Bild länger betrachtet,
dann wird der Schatten im Fenster des
Hauses lebendig: Ein Mensch, der schon
lange wartet? Die Person auf der Straße
befindet sich optisch zur Hälfte
(mit den Beinen) im Schnee, zur anderen
Hälfte (mit dem Oberkörper)
verschmilzt sie mit der Wand des Hauses.
Die Harmonie ergibt sich auch aus der
Komposition: Der Goldene Schnitt wird
hier gleich doppelt angewandt, und im
Schnittpunkt befindet sich die Figur.
Grau und Gold - eine herrliche Farbkombination.
Grau ist die "ärmste" aller
Farben, Gold die "reichste".
Ein Kontrast muss sich allein schon durch
die Farben ergeben und er wird verstärkt
durch "außen" (Straße,
Schnee) und "innen" (goldene
Lichter, die aus den Häusern scheinen).
Ein Meisterwerk der Komposition, der Farbgebung,
der Aussage und der Malweise: alles verschmilzt
zu einer Symphonie. I.S. 2001 |
Abbildung oben: James McNeill
Whistler, 1876
Nocturne: Grau und Gold- Schnee in
Chelsea
47,2 cm x 62,5 cm. Fogg Art Museum, Cambridge,
Massachusetts |
| Weihnachten
Markt und Straßen stehn verlassen,
still erleuchtet jedes Haus
sinnend geh ich durch die Gassen,
alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
sind so wundervoll beglückt.
Und ich wandre aus den Mauern
bis hinaus ins weite Feld,
hehres Glänzen, heil'ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!
Sterne hoch die Kreise schlingen,
aus des Schnees Einsamkeit
steigt's wie wunderbares Singen
-
O du gnadenreiche Zeit!
von Joseph von Eichendorff |
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