| Rast
auf der Flucht nach Ägypten
Diese, die noch eben atemlos
flohen mitten aus dem Kindermorden:
o wie waren sie unmerklich groß
über ihrer Wanderschaft geworden.
Kaum noch daß im scheuen Rückwärtsschauen
ihres Schreckens Not gegangen war,
und schon brachten sie auf ihrem grauen
Maultier ganze Städte in Gefahr;
denn sowie sie, klein im großen Land,
-fast ein Nichts- den starken Tempeln nahten,
platzten alle Götzen wie verraten
und verloren völlig den Verstand.
Ist es denkbar, daß von ihrem Gange
alles so verzweifelt sich erbost?
und sie wurden vor sich selber bange,
nur das Kind war namenlos getrost.
Immerhin, sie mußten sich darüber
eine Weile setzen. Doch da ging-
sieh: der Baum, der still sie überhing,
wie ein Dienender zu ihnen über:
er verneigte sich. Derselbe Baum,
dessen Kränze toten Pharaonen
für das Ewige die Stirnen schonen,
neigte sich. Er fühlte neue Kronen
blühen. Und sie saßen wie im Traum.
Text: Rainer Maria Rilke, Das Marienleben
Duino, Januar 1912
Bild rechts: Ausschnitt
aus: Die Flucht nach Ägypten, Meister
von Mondsee (1490-1500 tätig). Wien,
Österreichische Galerie (Detail).
Aussschnitt: Dunkelblaue Akelei am Wegesrand,
zu Füßen des Maultieres. Die Akelei
bedeutet in der christlichen Symbolik: die
Mutter eines Gottesvolkes. Die Blume war ursprünglich
der Göttermutter Frigga (Freya) geweiht.
Als Attribut der Maria kündet sie: Das
ist die Mutter Gottes! Die Pflanze ist direkt
unter Maria placiert und weist auf sie hin.
Linktipp:
Foto blaue Akelei im Computergarten
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