| Geburt
Christi
Hättest du der Einfalt nicht,
wie sollte
dir geschehn, was jetzt die Nacht erhellt?
Sieh, der Gott, der über Völkern grollte,
macht sich mild und kommt in dir zur Welt.
Hast du dir ihn größer
vorgestellt?
Was ist Größe? Quer
durch alle Maße,
die er durchstreicht, geht sein grades Los.
Selbst ein Stern hat keine solche Straße.
Siehst du, diese Könige sind groß,
und sie schleppen dir vor deinen
Schoß
Schätze, die sie für
die größten halten,
und du staunst vielleicht bei dieser Gift-:
aber schau in deines Tuches Falten,
wie Er jetzt schon alles übertrifft.
Aller Amber, den man weit verschifft,
jeder Goldschmuck und das Luftgewürze
das sich trübend in die Sinne steut:
alles dieses war von rascher Kürze,
und am Ende hat man es bereut.
Aber (du wirst sehen) Er
erfreut.
Text: Rainer Maria Rilke, Das Marienleben
Duino, Januar 1912 |

Bild: Conrad von Soest,
tätig um 1390 bis 1425: Die Kindheitsgeschichte
Christi. Bad Wildungen, Stadtkirche Sankt
Nikolaus
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