| Verkündiung
über die Hirten
Steht auf, ihr Männer. Männer dort
am Feuer,
die ihr den grenzenlosen Himmel kennt,
Sterndeuter, hierher! Seht, ich bin ein neuer
steigender Stern. Mein ganzes Wesen brennt
und strahlt so stark und ist so ungeheuer
voll Licht, daß mir das tiefe Firmament
nicht mehr genügt. Laßt meinen Glanz
hinein
in euer Dasein: O die dunklen Blicke,
die dunklen Herzen, nächtige Geschicke,
die euch erfüllen. Hirten, wie allein
bin ich in euch. Auf einmal wird mir Raum.
Stauntet ihr nicht: Der große Brotfruchtbaum
warf einen Schatten. Ja, das kam von mir.
Ihr unerschrockenen, o wüßtet ihr,
wie jetzt auf eurem schauenden Gesichte
die Zukunft scheint. In diesem starken Lichte
wird viel geschehen. Euch vertrau ich's denn
ihr seid verschwiegen; euch Gradgläubigen
redet hier alles. Glut und Regen spricht,
der Vögel Zug und Wind und was ihr seid,
keins überwiegt und wächst zur Eitelkeit
sich mästend an. Ihr haltet nicht
die Dinge auf im Zwischenraum der Brust,
um sie zu quälen. So wie seine Lust
durch einen Engel strömt, so treibt durch
euch
das Irdische. Und wenn ein Dorngesträuch
aufflammte plötzlich, dürfte noch
aus ihm
der Ewige euch rufen, Cherubim,
wenn sie geruhten neben eurer Herde
einherzuschreiten, wunderten euch nicht:
ihr stürztet euch auf euer Angesicht,
betetet an und nenntet dies die Erde.
Doch dieses war. Nun soll ein Neues sein,
vor dem der Erdkreis ringender sich weitet.
Was ist ein Dörnicht uns: Gott fühlt
sich ein
in einer Jungfrau Schoß. Ich bin der Schein
von ihrer Innigkeit, der euch geleitet.
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Text: Rainer Maria Rilke,
Das Marienleben
Duino, Januar 1912
Bild: Meister der Lüneburger
Goldenen Tafel, tätig zu Beginn des
15. Jahrhunderts. Hannover, Landesgalerie.
Bild unten: Ausschnitt
aus: Meister der Lüneburger Goldenen
Tafel. Detail Schafe und wilde Blumen zu
Füßen der Hirten, Programmierung
der Lupe © Fabio Ciucci
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