| Mariä
Heimsuchung
Noch erging sie's leicht im Anbeginne,
doch im Steigen manchmal ward sie schon
ihres wunderbaren Leibes inne,-
und dann stand sie, atmend, auf den hohn
Judenbergen. Aber nicht das Land,
ihre Fülle war um sie gebreitet;
gehend fühlte sie: man überschreitet
nie die Größe, die sie jetzt empfand.
Und es drängte sie, die Hand zu legen
auf den andern Leib, der weiter war.
und die Frauen schwankten sich entgegen,
und berührten sich Gewand und Haar.
Jede, voll von ihrem Heiligthume,
schützte sich mit der Gevatterin.
Ach der Heiland in ihr war noch Blume,
doch den Täufer in dem Schoß der
Muhme
riß die Freude schon zum Hüpfen hin.
Text: Rainer Maria Rilke, Das Marienleben
Duino, Januar 1912
Bild: Max Reichlich: Die Heimsuchung.
Der Künstler war tätig 1489 bis
1520. Gemälde: Wien, Österreichische
Galerie. Weitere Arbeiten von Max Reichlich:
Auf Schloß Runkelstein bei Bozen
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