| Ich bewundre nichts
Nein, ich bewundre nichts! In unsrer kleinen Welt
Ist jedes Kleine groß, das groß ins
Auge fällt.
In unsrer Welt von Staub ist Alles Gold, was glänzet,
Und Lorbeer jedes Kraut, wenn es den Großen
kränzet.
In unsrer wüsten Welt ist groß, was
selten ist,
Ist jedes Neue schön, ist werth, was man vermißt.
In unsrer Schattenwelt glänzt das, was nur
nicht blendet,
Und wenn ein Meteor nur gleißt und nur das
Auge schonet,
Als Sonne starrt es gleich der laute Pöbel
an,
Und Kinder beten es als unsern Herrn Gott an.
Freund, ich ging durch die Welt; so weit ich sie
erblickte,
Sah ich, was mich zerstreut', fand nie, was mich
entzückte,
Viel, was die Sinnen täuscht, nichts, was die
Seele nährt,
Viel, was man wünscht, erschwitzt, nicht braucht
und dann begehrt.
Drum, ich bewundre nichts und seh' von der Weltweisen
Höhen,
Seh' unsern Sonnenstaub, auf dem wir Milben gehen."
Johann Gottfried von Herder (1744-1803) |

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