
Foto
von Inga Schnekenburger vom 8. Juni 2002
Die
Rose der Erinnerung
Als
treulos ich das teure Land verließ,
Wo mir, wie nirgend sonst, die Freude blühte,
Mich selbst verstoßend aus dem Paradies
Voll Freundesliebe, holder Frauengüte;
Und
als ich stand zum ernsten Scheidegruß
An meiner Freuden maiengrünem Saume,
Als mir im Auge quoll der Tränenguß
Wie warmer Regen nach dem Frühlingstraume:
Da
bog sich mir zum Lebewohl herab
Der reichsten einer von den Blütenzweigen,
Der freundlich mir noch eine Rose gab;
Mein Herz verstand sein liebevolles Schweigen.
Nicht
in den Staub, o Freund, hier weine hin,
Hier auf die weichen Blätter dieser Rose!
Das war der stummen Gabe milder Sinn;
Und schmerzlich rasch folgt ich dem Wanderlose.
In
fremde Welten fuhr mich der Pilot,
Vom teuren Lande trennen mich nun Meere;
Und wie mir einst das Lebewohl gebot,
Netz ich die Blume mit getreuer Zähre.
Der
Rose inniglicher Duft entschwand,
Es ging die frische Farbenglut verbleichen;
Sie ruht so blaß und starr in meiner Hand,
Des Unverwelklichen ein welkes Zeichen.
Des
Unverwelklichen? sie rauscht so bang,
Will meine Hand die Rose wieder wecken;
Als wär es ein prophetisch trüber Klang,
Hör ich den Laut mit heimlichem Erschrecken.
O
Rose der Erinnerung geweiht!
Mir dünket deiner welken Blätter Rauschen
Ein leises Schreiten der Vergänglichkeit,
Hörbar geworden plötzlich meinem Lauschen!
Gedicht
von Ludwig Christian Hölty (1748-1776)
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