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Das Rind in der Kunst - Vom Rinderkult zum Rinderwahn
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Hier geht es nicht nur um das Schlachten von Rindern: Das Schlachten von Tieren als Thema in der Kunst

<< 12. Bilder hierzu

12.1. Zu Schlachthausszenen und geschlachtetem Fleisch als Thema
der bildenden Kunst

Von Rolf Stieger

Antizipative Kräfte wurden Künstlern seit jeher bescheinigt. Ob bildlich verschlüsselt oder ganz direkt zur Anschauung gebracht, ihre Warnungen und Prophezeiungen zu gesellschaftlichen Gefahren haben sich nicht selten erfüllt und sind erschreckende Wahrheit geworden. So rückt heute - ganz unfreiwillig - ein Bildthema in den Blickpunkt der kunstinteressierten Öffentlichkeit, dem in der bildenden Kunst bereits seit langer Zeit Aufmerksamkeit zukam.

Ungeachtet der aktuellen Krise um vergiftete Rinderkörper und einer möglichen Gefahr für den Fleisch verzehrenden Menschen haben Künstler Schlachthausszenen und geschlachtetes Fleisch schon sehr viel früher zum Gegenstand ihrer bildlichen Darstellungen gemacht. Ohne diese Vorbilder läßt sich die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas in der Kunst nur unzureichend erklären.

Gemeint ist die bildliche Repräsentation von geschlachteten Tieren, die mit einer ganz bestimmten Darstellungsform verknüpft ist. In der Regel sind es große Tierkörper von Rindern oder Schweinen, anhand derer die verschiedenen Stadien des Schlachtungsvorgangs gezeigt werden: Kopfüber aufgehängt veranschaulichen die Szenen entweder den Entblutungsvorgang, das Häuten, Brühen oder Spalten und Ausweiden der Tierkörper.

Diese Schlachtmotive waren bis zum 15. Jahrhundert noch an keine feste Darstellungsform gebunden und auch überwiegend im Kontext ritueller oder religiöser Handlungen wiederzufinden. Diese Darstellungspraxis verändert sich allerdings in der Folgezeit. Ab ca. 1550-70 wird das Schlachttier selbst bildwürdig und Thema der Tafelmalerei. Vornehmlich im Holland des 16. und 17. Jahrhunderts wird es dann zum dominierenden, mitunter fast die gesamte Bildfläche einnehmenden Bildgegenstand.

Die Beispiele aus dieser Zeit beeindrucken durch ihre malerische Offenheit und Eindringlichkeit, die den Künstlern auf dem Weg in die Moderne Pate gestanden haben müssen. Auffallend ist, was auf formaler Ebene in diesen Schlachtungsbildern passiert: Die Erzählstruktur büßt ihren Platz im Gefüge des Bildes ein zugunsten einer ungeheuren Präsenz des Tierkörpers, der den Bildraum fast vollständig einnimmt, und so die ganze Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich lenkt. Gemälde geschlachteter Großtiere - sei es von Martin van Cleve, Beukelaer, Rembrandt, van den Hecke oder Teniers d.J. - machen ein neues künstlerisches Anliegen deutlich: es geht nicht mehr nur um Inhalte und deren Bedeutungsebenen, sondern das Malerische selbst wird zum Thema erhoben.

Die Herausforderung lag darin, den gewaltig geöffneten Leib des Tieres und die zum Vorschein kommende höchst amorphe, also nicht mehr an den Gegenstand gebundene Struktur malerisch zu bewältigen. Ob dieses Erlebnis einer solch blutigen peinture auch ein ästhetisches Erlebnis ist, kann vielleicht nur ein distanzierter Blick leichter beurteilen.

Mit dem Schritt in die Moderne und den tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzungsprozessen seit dem 19. Jahrhundert verändert sich etwas Grundlegendes, was anscheinend nochmal stimulierend auf die Künstler gewirkt haben mag, sich wieder verstärkt dem Schlachthausmotiv zuzuwenden: Die Industrialisierung mechanisierte die Fleischproduktion und veränderte damit unwiderruflich das Verhalten und Empfinden gegenüber diesen Vorgängen.

Die Entstehung und Entwicklung der riesigen Schlachthöfe, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts den enormen Anstieg des Bedarfs an Fleischerzeugnissen auf Basis industrieller Fertigungsmethoden verbessern und zugleich für eine hygienische Fleischverarbeitung sorgen sollten, forcierten einen Einstellungswandel, mit dem wir uns gerade heute wieder auseinandersetzen müssen: Die Prozesse mechanisierten und automatisierten Schlachtens evozierten den Effekt einer zunehmenden Anonymisierung und Distanzierung.

Der ehemals im Rahmen ländlicher Hausschlachtungen als "gewohnt" empfundene Anblick geschlachteter Tierkörper ist nun in der Gefühlshierarchie sehr viel intensiver besetzt mit Ängsten, mit Brutalität, Qualen oder steht gar für Gewalt an sich.

So absurd es klingen mag, aber der Reiz, sich mit dem Schlachthausmotiv gerade malerisch auseinanderzusetzen - und sich wissenschaftlich seiner Geschichte zu vergewissern - liegt genau in diesem Spannungsverhältnis begründet: Es entsteht eine Ambivalenz zwischen dem vom Menschen ausgeübten, aber für seinen Versorgungsanspruch scheinbar (!) notwendigen Tötungsakt an Tieren, und dadurch, daß diese "Notwendigkeiten unserer Zivilisation" mit Unbehagen verbunden sind, da die heutige Gesellschaft ein Höchstmaß an Distanzierung zu diesen blutigen Vorgängen entwickelt hat.

Das geschlachtete Schwein

Bild: Joachim Beukelaer, 1533 - 1573, Niederlande: geschlachtetes Schwein, 1563, 114 x 83 cm, Öl auf Eichenholz

 

Detail des Gemäldes Geschlachtetes Schwein von Bueckeler

Detailbild: Joachim Beukelaer, 1533 - 1573, Niederlande: geschlachtetes Schwein, 1563, 114 x 83 cm, Öl auf Eichenholz

Kommentar von Inga Schnekenburger:
Das war einmal ein Wesen mit einem lebendigem Herzen, mit strahlend blauen Augen, mit großer Intelligenz. Da waren einmal Beine, da war einmal ein Kopf....

Mein Interesse an Darstellungen geschlachteten Fleisches zielt in dieser Hinsicht gerade darauf, solche emotionalen und pragmatischen Beziehungen gegenüber zu stellen. Sie sprechen von den historischen Veränderungen gegenüber den Eingriffen des Fleischers, mit all den damit einhergehenden Zerstörungen, Fragmentierungen und Offenlegungen.

Diese Bilder lassen sich in diesem Kontext als Praxis menschlichen Handelns auffassen, das unser gespaltenes Verhältnis zu unserer Lebenswelt auf eindringliche Weise transparent macht, in dem unser Tun an einem auf den Alltag zugewiesenen Vorgang aufgezeigt wird, dessen Metaphorik zwischen Bildern des Todes und weltlichem (Über-) Leben changiert.

Rolf Stieger, Hamburg, im Januar 2001, Kunstwissenschaftler und Künstler

Linktipps

  • Schlachthausbilder von Rolf Stieger
  • Webseite mit Bildern von Rolf Stieger www.rolf-stieger.de
  • Verfristen beim Schlachten - Rinderprämien: Schlachtprämie
    und/oder Sonderprämie männliche Rinder. Amt für Landwirtschaft,
    Landschafts-und Bodenkultur, Baden-Württemberg - Die Seite wurde wieder aus demNetz genommen...
    http://www.infodienst-mlr.bwl.de/allb/Backnang/ fachinformationen/pflanzenbau/rinderpraemie.htm

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