Von Rolf Stieger
Antizipative Kräfte wurden Künstlern seit
jeher bescheinigt. Ob bildlich verschlüsselt
oder ganz direkt zur Anschauung gebracht, ihre Warnungen
und Prophezeiungen zu gesellschaftlichen Gefahren
haben sich nicht selten erfüllt und sind erschreckende
Wahrheit geworden. So rückt heute - ganz unfreiwillig
- ein Bildthema in den Blickpunkt der kunstinteressierten
Öffentlichkeit, dem in der bildenden Kunst
bereits seit langer Zeit Aufmerksamkeit zukam.
Ungeachtet der aktuellen Krise um vergiftete Rinderkörper
und einer möglichen Gefahr für den Fleisch
verzehrenden Menschen haben Künstler Schlachthausszenen
und geschlachtetes Fleisch schon sehr viel früher
zum Gegenstand ihrer bildlichen Darstellungen gemacht.
Ohne diese Vorbilder läßt sich die gesellschaftliche
Relevanz dieses Themas in der Kunst nur unzureichend
erklären.
Gemeint ist die bildliche Repräsentation von
geschlachteten Tieren, die mit einer ganz bestimmten
Darstellungsform verknüpft ist. In der Regel
sind es große Tierkörper von Rindern
oder Schweinen, anhand derer die verschiedenen Stadien
des Schlachtungsvorgangs gezeigt werden: Kopfüber
aufgehängt veranschaulichen die Szenen entweder
den Entblutungsvorgang, das Häuten, Brühen
oder Spalten und Ausweiden der Tierkörper.
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| Diese
Schlachtmotive waren bis zum 15. Jahrhundert noch
an keine feste Darstellungsform gebunden und auch
überwiegend im Kontext ritueller oder religiöser
Handlungen wiederzufinden. Diese Darstellungspraxis
verändert sich allerdings in der Folgezeit.
Ab ca. 1550-70 wird das Schlachttier selbst bildwürdig
und Thema der Tafelmalerei. Vornehmlich im Holland
des 16. und 17. Jahrhunderts wird es dann zum dominierenden,
mitunter fast die gesamte Bildfläche einnehmenden
Bildgegenstand.
Die Beispiele aus dieser Zeit beeindrucken
durch ihre malerische Offenheit und Eindringlichkeit,
die den Künstlern auf dem Weg in die Moderne
Pate gestanden haben müssen. Auffallend ist,
was auf formaler Ebene in diesen Schlachtungsbildern
passiert: Die Erzählstruktur büßt
ihren Platz im Gefüge des Bildes ein zugunsten
einer ungeheuren Präsenz des Tierkörpers,
der den Bildraum fast vollständig einnimmt,
und so die ganze Aufmerksamkeit des Betrachters
auf sich lenkt. Gemälde geschlachteter Großtiere
- sei es von Martin van Cleve, Beukelaer, Rembrandt,
van den Hecke oder Teniers d.J. - machen ein neues
künstlerisches Anliegen deutlich: es geht nicht
mehr nur um Inhalte und deren Bedeutungsebenen,
sondern das Malerische selbst wird zum Thema erhoben.
Die Herausforderung lag darin, den
gewaltig geöffneten Leib des Tieres und die
zum Vorschein kommende höchst amorphe, also
nicht mehr an den Gegenstand gebundene Struktur
malerisch zu bewältigen. Ob dieses Erlebnis
einer solch blutigen peinture auch ein ästhetisches
Erlebnis ist, kann vielleicht nur ein distanzierter
Blick leichter beurteilen.
Mit dem Schritt in die Moderne und
den tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzungsprozessen
seit dem 19. Jahrhundert verändert sich etwas
Grundlegendes, was anscheinend nochmal stimulierend
auf die Künstler gewirkt haben mag, sich wieder
verstärkt dem Schlachthausmotiv zuzuwenden:
Die Industrialisierung mechanisierte die Fleischproduktion
und veränderte damit unwiderruflich das Verhalten
und Empfinden gegenüber diesen Vorgängen.
Die Entstehung und Entwicklung der
riesigen Schlachthöfe, die seit Mitte des 19.
Jahrhunderts den enormen Anstieg des Bedarfs an
Fleischerzeugnissen auf Basis industrieller Fertigungsmethoden
verbessern und zugleich für eine hygienische Fleischverarbeitung
sorgen sollten, forcierten einen Einstellungswandel,
mit dem wir uns gerade heute wieder auseinandersetzen
müssen: Die Prozesse mechanisierten und automatisierten
Schlachtens evozierten den Effekt einer zunehmenden
Anonymisierung und Distanzierung.
Der ehemals im Rahmen ländlicher
Hausschlachtungen als "gewohnt" empfundene Anblick
geschlachteter Tierkörper ist nun in der Gefühlshierarchie
sehr viel intensiver besetzt mit Ängsten, mit
Brutalität, Qualen oder steht gar für Gewalt
an sich.
So absurd es klingen mag, aber der Reiz, sich mit
dem Schlachthausmotiv gerade malerisch auseinanderzusetzen
- und sich wissenschaftlich seiner Geschichte zu
vergewissern - liegt genau in diesem Spannungsverhältnis
begründet: Es entsteht eine Ambivalenz zwischen
dem vom Menschen ausgeübten, aber für seinen
Versorgungsanspruch scheinbar (!) notwendigen Tötungsakt
an Tieren, und dadurch, daß diese "Notwendigkeiten
unserer Zivilisation" mit Unbehagen verbunden
sind, da die heutige Gesellschaft ein Höchstmaß
an Distanzierung zu diesen blutigen Vorgängen
entwickelt hat.
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Bild: Joachim Beukelaer, 1533
- 1573, Niederlande: geschlachtetes Schwein, 1563,
114 x 83 cm, Öl auf Eichenholz
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Detailbild: Joachim Beukelaer,
1533 - 1573, Niederlande: geschlachtetes Schwein,
1563, 114 x 83 cm, Öl auf Eichenholz
Kommentar
von Inga Schnekenburger:
Das war einmal ein Wesen mit einem lebendigem
Herzen, mit strahlend blauen Augen, mit großer
Intelligenz. Da waren einmal Beine, da war einmal
ein Kopf.... |
| Mein Interesse
an Darstellungen geschlachteten Fleisches zielt
in dieser Hinsicht gerade darauf, solche emotionalen
und pragmatischen Beziehungen gegenüber zu
stellen. Sie sprechen von den historischen Veränderungen
gegenüber den Eingriffen des Fleischers, mit
all den damit einhergehenden Zerstörungen,
Fragmentierungen und Offenlegungen.
Diese Bilder lassen sich in diesem
Kontext als Praxis menschlichen Handelns auffassen,
das unser gespaltenes Verhältnis zu unserer
Lebenswelt auf eindringliche Weise transparent macht,
in dem unser Tun an einem auf den Alltag zugewiesenen
Vorgang aufgezeigt wird, dessen Metaphorik zwischen
Bildern des Todes und weltlichem (Über-) Leben
changiert.
Rolf Stieger, Hamburg, im Januar
2001, Kunstwissenschaftler und Künstler |