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Marionetten
aus dem Erzgebirge
Aus: Seyffert, D. und W. Trier
Spielzeug, Berlin 1922, Wasmuth. |
Über
das Marionettentheater. Heinrich von Kleist
Als
ich den Winter 1801 in M... zubrachte, traf ich
daselbst eines Abends, in einem öffentlichen Garten,
den Herrn C. an, der seit kurzem, in dieser Stadt,
als erster Tänzer der Oper, angestellt war, und
bei dem Publiko außerordentliches Glück machte.
Ich sagte ihm, daß ich erstaunt gewesen wäre,
ihn schon mehrere Male in einem Marionettentheater
zu finden, das auf dem Markte zusammengezimmert
worden war, und den Pöbel, durch kleine dramatische
Burlesken, mit Gesang und Tanz durchwebt, belustigte.
Er versicherte mir, daß ihm die Pantomimik dieser
Puppen viel Vergnügen machte, und ließ nicht undeutlich
merken, daß ein Tänzer, der sich ausbilden wolle,
mancherlei von ihnen lernen könne. Da die Äußerung
mir, durch die Art, wie er sie vorbrachte, mehr,
als ein bloßer Einfall schien, so ließ ich mich
bei ihm nieder, um ihn über die Gründe, auf die
er eine so sonderbare Behauptung stützen könne,
näher zu vernehmen.
Er fragte mich, ob ich nicht, in der Tat, einige
Bewegungen der Puppen, besonders der kleineren,
im Tanz sehr graziös gefunden hatte.
Diesen
Umstand konnte ich nicht leugnen. Eine Gruppe
von vier Bauern, die nach einem raschen Takt die
Ronde tanzte, hätte von Teniers nicht hübscher
gemalt werden können. Ich erkundigte mich nach
dem Mechanismus dieser Figuren, und wie es möglich
wäre, die einzelnen Glieder derselben und ihre
Punkte, ohne Myriaden von Fäden an den Fingern
zu haben, so zu regieren, als es der Rhythmus
der Bewegungen, oder der Tanz, erfordere?
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| Er
antwortete, daß ich mir nicht vorstellen müsse,
als ob jedes Glied einzeln, während der verschiedenen
Momente des Tanzes, von dem Maschinisten gestellt
und gezogen würde. Jede Bewegung, sagte er, hätte
einen Schwerpunkt; es wäre genug, diesen, in dem
Innern der Figur, zu regieren; die Glieder, welche
nichts als Pendel wären, folgten, ohne irgend
ein Zutun, auf eine mechanische Weise von selbst.
Er setzte hinzu, daß diese Bewegung sehr einfach
wäre; daß jedesmal, wenn der Schwerpunkt in einer
graden Linie bewegt wird, die Glieder schon Kurven
beschrieben; und daß oft, auf eine bloß zufällige
Weise erschüttert, das Ganze schon in eine Art
von rhythmische Bewegung käme, die dem Tanz ähnlich
wäre.
Diese Bemerkung schien mir zuerst einiges Licht
über das Vergnügen zu werfen, das er in dem Theater
der Marionetten zu finden vorgegeben hatte. Inzwischen
ahndete ich bei weitem die Folgerungen noch nicht,
die er späterhin daraus ziehen würde. Ich fragte
ihn, ob er glaubte, daß der Maschinist, der diese
Puppen regierte, selbst ein Tänzer sein, oder
wenigstens einen Begriff vom Schönen im Tanz haben
müsse? Er erwiderte, daß wenn ein Geschäft, von
seiner mechanischen Seite, leicht sei, daraus
noch nicht folge, daß es ganz ohne Empfindung
betrieben werden könne. Die Linie, die der Schwerpunkt
zu beschreiben hat, wäre zwar sehr einfach, und,
wie er glaube, in den meisten Fällen, gerad. In
Fällen, wo sie krumm sei, scheine das Gesetz ihrer
Krümmung wenigstens von der ersten oder höchstens
zweiten Ordnung; und auch in diesem letzten Fall
nur elliptisch, welche Form der Bewegung den Spitzen
des menschlichen Körpers (wegen der Gelenke) überhaupt
die natürliche sei, und also dem Maschinisten
keine große Kunst koste, zu verzeichnen.
Dagegen wäre diese Linie wieder, von einer andern
Seite, etwas sehr Geheimnisvolles. Denn sie wäre
nichts anders, als der Weg der Seele des Tänzers;
und er zweifle daß sie anders gefunden werden
könne, als dadurch, daß sich der Maschinist in
den Schwerpunkt der Marionette versetzt, d. h.
mit andern Worten, tanzt. Ich
erwiderte, daß man mir das Geschäft desselben
als etwas ziemlich Geistloses vorgestellt hätte:
etwa was das Drehen einer Kurbel sei, die eine
Leier spielt. Keineswegs, antwortete er. Vielmehr
verhalten sich die Bewegungen seiner Finger zur
Bewegung der daran befestigten Puppen ziemlich
künstlich, etwa wie Zahlen zu ihren Logarithmen
oder die Asymptote zur Hyperbel. Inzwischen glaube
er, daß auch dieser letzte Bruch von Geist, von
dem er gesprochen, aus den Marionetten entfernt
werden, daß ihr Tanz gänzlich ins Reich mechanischer
Kräfte hinübergespielt, und vermittelst einer
Kurbel, so wie ich es mir gedacht, hervorgebracht
werden könne.
Ich äußerte meine Verwunderung zu sehen, welcher
Aufmerksamkeit er diese, für den Haufen erfundene,
Spielart einer schönen Kunst würdigte. Nicht bloß,
daß er sie einer höheren Entwicklung für fähig
halte: er scheine sich sogar selbst damit zu beschäftigen.
Er lächelte, und sagte, er getraue sich zu behaupten,
daß wenn ihm ein Mechanikus, nach den Forderungen,
die er an ihn zu machen dächte, eine Marionette
bauen wollte, er vermittelst derselben einen Tanz
darstellen würde, den weder er, noch irgend ein
anderer geschickter Tänzer seiner Zeit, Vestris
selbst nicht ausgenommen, zu erreichen imstande
wäre.
Haben Sie, fragte er, da ich den Blick schweigend
zur Erde schlug: haben Sie von jenen mechanischen
Beinen gehört, welche englische Künstler für Unglückliche
verfertigen, die ihre Schenkel verloren haben?
Ich sagte, nein: dergleichen wäre mir nie vor
Augen gekommen. Es tut mir leid, erwiderte er;
denn wenn ich Ihnen sage, daß diese Unglücklichen
damit tanzen, so fürchte ich fast, Sie werden
es mir nicht glauben. - Was sag ich, tanzen? Der
Kreis ihrer Bewegungen ist zwar beschränkt; doch
diejenigen, die ihnen zu Gebote stehen, vollziehen
sich mit einer Ruhe, Leichtigkeit und Anmut, die
jedes denkende Gemüt in Erstaunen setzen. |