
Hähne
von Günter Grass, Hokusai , Pablo Picasso
und Niki de Saint Phalle
Der Hahn als trauriger
Kämpfer (Grass), der Hahn als sanfter Genießer
(Hokusai), der Hahn als stolzer Wächter
(Picasso), der Hahn als Symbol für
Lebensfreude (Niki de Saint Phalle)
Hähne von Künstlern, die in
der zweiten Hälfte des Monats Oktober Geburtstag
haben:
Bildbetrachtungen
von Inga Schnekenburger

1.
Günter Grass
Der Hahn als trauriger Kämpfer
Grundlage der Bildbetrachtung: Günter
Grass: "Kämpfende Hähne mit Messern"
Kaltnadelradierung Berlin 1978. Bild darf nicht gezeigt
werden (Copyright)
Die Hähne, von Natur aus äußerst
friedliche Gesellen, sollen kämpfen. Die Menschen
haben sie dazu mit Messern ausgerüstet, damit sie
Blut fließen sehen können und damit einer
der Hähne sterben muss. Wenn ein Hahn bei einem
Kampf unterliegt und die Demutshaltung zeigt, wird er
vom Sieger nicht weiter attackiert. Die perverse Phantasie
von Menschen, die ihr Geschäft auf Kosten der Tiere
machen wollen, hat Vorkehrungen getroffen, die Sache
blutig, ja tödlich ausgehen zu lassen.
Die Messer wirken auf der Radierung nicht
wie angeschnallt, sie wirken wie angewachsen. Die Messer
verletzen den "Gegner" so stark, dass er wahrscheinlich
sterben muss. Das ist nicht im Sinne der Arterhaltung
der Hühner, sondern vom Menschen provoziert. Günter
Grass hat die Köpfe der Hähne in die Höhe
der Messer platziert. Der Ausdruck in den Hahngesichtern
ist alles andere als aggressiv oder hasserfüllt.
Der Ausdruck ist fragend, erschreckt, traurig. Der untere
Hahn, in Demutshaltung, mit geschlossenem Auge, beugt
sich fast wie ein menschliches Wesen. Diese Hähne
haben etwas menschliches, sie sind ein Ersatz für
kämpfende Menschen, die sich sinnlos umbringen.
Durch Züchtungen hat der Mensch
immer die aggressivsten Hähne für die "Kampfhähne"
selektiert und missbraucht sie für seine niederen
Instinkte. Hahnenkämpfe, bei denen um Geld gewettet
wird, sind eine Barbarei und werden hoffentlich bald
weltweit verboten!
Das Bild von Günter Grass hat
hohen symbolischen Wert. Die Federn, der natürliche
Schmuck der Hähne, sind bis auf einige wenige am
Kopf weggelassen. Die Kreatur wirkt nackt wie ein nackter
Mensch. Nacktheit bedeutet auch Schutzlosigkeit. Man
hat den Hähnen sozusagen die Schönheit geraubt,
die Würde genommen und ihnen dafür Messer,
tödliche Waffen, gegeben, denen sie beim "Hahnenkampf"
schutzlos ausgeliefert sind. Und falls es nicht zu tödlichen
Verletzungen kommen sollte, dann wird der unterlegene
Hahn von dem Besitzer getötet, aus Scham.
Günter Grass hat 1978 eine Reise
nach Indien unternommen. Er schreibt in seinem "Werkstattbericht":
"Jetzt erst, im Rückblick wird die Spannweite
deutlich zwischen den
frühen Windhühnern und den skizzierten
Hahnenkämpfen auf Bali, die sich später auf
Kaltnadelradierungen vermehrten. Gedichtentwürfe
in Zeichnungen gekritzelt, die abermals Hühner
und Köche zitierten."
2. Hokusai
Der Hahn als sanfter Genießer

Hokusai Katsushika (1760 -1849) Flock of Chickens 1830-1844.
National Museum at Tokyo Gruppe mit Hähnchen 1830 -1844.
National Museum Tokyo.
Wie in einer Wolke von Wohlbefinden kuscheln
sich die Hähne in dem herrlichen Farbholzschnitt
von Hokusai aneinander. Harmonie ist das Grundthema
in diesem Bild von Hokusai. Wenn genügend Platz
und Auslauf zur Verfügung steht, sondern sich die
jungen Hähne in einer Gruppe ab. Es gibt kleine
Rangkämpfe untereinander, die nie tödlich
enden, und danach lebt man friedlich zusammen, putzt
sich, nimmt gemeinsam Sandbäder und genießt
den Tag.
Nur in die Nähe des Paschas, des
alten Hahnes und seinem Hühner-Harem, sollte man
sich als junger Hahn nicht wagen. Dann gibt es Ärger.
In dieser "Junggesellen-Gruppe" entstehen
auch Freundschaften und die beiden Hähne rechts
unten scheinen sich sehr zu mögen.
Hokusai hat die Schönheit und Individualität
der Hähne in einem harmonischen Bild dargestellt.
Der Ausdruck in den Gesichtern zeigt das Verschiedene,
das einmalige jedes der Tiere. Der Hahn unten links
schaut uns direkt an, er wacht vielleicht über
sene Brüder und Freunde. Als besonders gelungenes
Stilelement empfinde ich die Gestaltung des Untergrundes.
Die Erde wird zu einem blauen Himmel, zu sanften Wolken.
Gleichnishaft ist dieses herrliche Bild: In Freundschaft
und Harmonie können wir den Himmel auf Erden erleben.
3.
Picasso
Der Hahn als stolzer Wächter
3.1. Hahn
Grundlage: Bild von Pablo Picasso vom 4. April 1938.
Öl auf Leinwand, 143,5 x 119 cm. Aus der Privatsammlung
von Picasso
Aus Picassos Privatsammlung, das Bild gehörte zu
seinen Lieblingsbildern! (Bild darf nicht gezeigt werden,
Copyright)
Der Hahn ist in diesem Bild als stolze
Persönlichkeit dargestellt. Der Hintergrund ist
unwichtig, verwischt, mit stark verdünnter Ölfarbe
nur vage angedeutet. Dadurch kommt die Hauptperson,
der Hahn, noch deutlicher zur Geltung. Der Kopf ist
geschmückt mit einem fast dekorativ wirkenden
Kamm. Die Linie vom Rücken zum Hals ist in einem
betont spannungsvollen Bogen gestaltet. Der Schnabel
ist leicht geöffnet, man kann die Zunge erkennen,
vielleicht äußert er sich im nächsten
Moment, kräht, warnt seine Hühnerschar vor
Gefahr. die Augen blicken äußerst wachsam.
Der Hahn wirkt auf mich wie ein gepanzerter Ritter,
der Schwanz ist wie ein Schutzschild erhoben, bereit
zur Abwehr. Ein friedlicher, ein würdevoller
Wächter, aber bereit, bei Gefahr den Schnabel
zu benutzen, die Sporen einzusetzen. Ein wunderbares
Portrait eines Hahnes von Picasso.
3. 2. Ruhendes Bauernmädchen
mit Hahn und Huhn
Grundlage: Bild von Pablo Picasso, Kohle und Kreide
auf Leinwand, 120 x 236 cm, 23. März 1938 Bild
darf nicht gezeigt werden (Copyright) Dieses Bild gehört
zu "Picassos Picassos", also zu den Bildern,
von denen er sich zu Lebzeiten nicht trennen wollte
und sie nicht verkauft hat.
In diesem Bild hat Picasso ein ruhendes
Bauernmädchen dargestellt. Das Mädchen liegt
entspannt gelagert da, es wird von den Tieren bewacht.
Huhn und Hahn sind ganz nah bei ihr und es wirkt,
als ob das Huhn an ihrem Schenkel pickt. Der Hahn
scheint dem Mädchen etwas sagen zu wollen, mahnend
vielleicht, ernsthaft. Eine Feder in der Höhe
seines Flügels steht etwas hoch, was den Anschein
erweckt, als wolle er gleich wegfliegen.
Das Huhn ist wunderschön erfasst
in der sanften Kontur des Körpers und gibt in
der naturalistisch-abstrahierten Form einen schönen
Akzent zur stark vereinfachten Mädchenfigur.
Interessant sind die Füße des Mädchens,
sie wirken wie Hühnerfüße. Ein großer,
reizvoller Kontrast dazu die Beinchen der Küken
unten rechts in der Höhe der Füße
des Mädchens. Es sind nur ganz zarte Striche,
daneben wirkt der menschliche Fuß plump und
dick und unförmig.
Es sind drei Küken, wie im Sprichwort
"Aller guten Dinge sind Drei". Die kindlichen
Küken, die Henne und das weibliche menschliche
Wesen werden vom aufmerksamen Hahn bewacht und beschützt.
Bei Gefahr wird der Hahn das Mädchen, die Henne
und die Küken warnen: der Hahn als Wächter.
4.
Niki de
Saint Phalle
Der Hahn als Symbol für Lebensfreude
Grundlage: Brunnenplastik. Bild darf nicht
gezeigt werden (Copyright)
Dieser Hahn ist vielleicht kein Hahn,
sondern irgendein Vogel, ein bunter Vogel, ein schriller
Vogel, ein verrücktes Huhn. Es könnte auch
eine Mischung aus Hahn und Mensch sein. Darauf kommt
es nicht an.
Hühner sind ja Vögel, und bei dieser Brunnenplastik
ist ein naturalistisches Abbild nicht gewollt. Ein Vogel,
der Lebensfreude ausstrahlt, der die Flügel zum
Gruß und vielleicht zum Abheben und Davonfliegen
erhebt. Ein Hahn hat oft schillernde bunte Federn, und
dies ist zum Anlass genommen, dieses Wesen noch bunter
zu gestalten als es in der Natur vorkommt. Die dicke,
gemütliche Form und die Buntheit signalisieren
Lebensfreude pur.
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im Computergarten Oktober
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