Leseprobe: Hermann Fürst von Pückler-Muskau

Aus Mehemed Alis Reich

Ägypten und der Sudan um 1840
Erster Teil: Unterägypten

Die Gärten von Schubra

[...] Indem ich nun meine Leser bitte, mich von hier nach den Gärten von Schubra zu begleiten, muß ich immer von neuem - der leidigen Kritiker wegen - darauf aufmerksam machen, daß ich durchaus kein Buchmacher von Profession bin; und daher eine systematische Zusammenstellung meines Stoffes von mir nimmer zu erwarten steht. Ich erzähle, was ich zu erzählen Lust habe, wie und wo es mir in den Sinn kommt. Wen dies verdrießt, der suche sich eine bessere Unterhaltung, die ihm nicht schwer zu finden sein wird.

Schubra, ein Lustschloß des Vizekönigs, wo er meistenteils residiert, hat mich nicht weniger als so viele andere Schöpfungen Mehemed Alis überrascht, denn bisher sah ich noch nie einen orientalischen Garten, der mehr als eine potenzierte Küchen- und Obstbaumplantage gewesen wäre, mit stets dabei vernachlässigter Eleganz und Reinlichkeit. Hier fand ich eine Anlage, die Georg den Vierten in «Virginia water» zu besitzen entzückt haben würde und die seine englischen Gärtner nicht um das mindeste zierlicher und mit mehr Nettigkeit aufgeputzt zu erhalten vermocht hätten.

Diese musterhafte Ordnung und Sorgfalt macht im Orient, dem Lande des Schmutzes und Delabrements, einen doppelt angenehmen Eindruck, wobei freilich auch das wohltuende Gefühl für einen Nordländer mit anzuschlagen ist, sich Ende Januars in freier Luft von einem ununterbrochenen Blumen- und Blütenflor umgeben zu sehen, der allein über zwölf bis fünfzehn Morgen Landes einnimmt. Und welche herrliche Straße, ebenfalls Mehemed Alis Werk, fährt überdies von Kahira zu diesem Garten! Zuerst reitet man eine halbe Stunde in den Anlagen Ibrahims hin, die ich bereits beschrieben habe. Dann gelangt man an eine Feld- und Kleeflur, deren blendendes Grün von den üppigsten unserer Wiesen nicht übertroffen werden kann.

Mitten durch sie hindurch führt eine sehr dicht gepflanzte Allee, welche in der Länge einer Stunde keine einzige Lücke hat. Aus immergrünen Sykomoren und einer dunkelblättrigen Akazienart bestehend, welche nur in der heißesten Jahreszeit einige Wochen lang ihr Laub verliert, bildet sie mit ihren ausgedehnten Kronen ein zusammenhängendes und der Sonne von oben ganz undurchdringliches Gewölbe von 30-40 Fuß Höhe, das nur zwischen den Stämmen der Bäume hoch genug geöffnet ist, um einem fortwährenden Wechsel der reizendsten Aussichtsbilder Raum zu geben - denn links in geringer Entfernung fließt der Nil, bald von Inseln unterbrochen, bald über eine Viertelmeile breit mit freiem Wasserspiegel in der Sonne flimmernd.

Seine diesseitigen Ufer sind mit Landhäusern der Großen oder mit noch palastähnlicheren Fabrikgebäuden, zwischen Gärten und Feldern liegend, locker eingefaßt, die jenseitigen entfalten vor der sanft wellenförmigen Hügelreihe der Wüste abwechselnd Palmwälder oder mit reicher Vegetation umgebene Dörfer, die wie zierliche Buketts auf dem gelben Sande ausgestreut liegen. Alles erscheint idyllisch, nur im Hintergrunde ragen die ewigen Spitzen der Pyramiden, hoch alles Übrige dominierend, geheimnisvoll aus den Palmen hervor. Rechts der Straße ziehen sich in größerer Nähe die glatten, vom Winde zusammengewehten und häufig ihre Form ändernden Sandberge der andern Seite der Wüste hin, aber mit dem breiten Rande von Oliven- und Obstbaumplantagen, der vor ihnen liegt und in dem viele einzelne freundliche Wohnungen verteilt sind, zeigt die Wüste auch von dieser Seite nur ihren romantischen und keineswegs ihren öden Charakter.

Dazu ist die nächste Staffage der Landschaft den ganzen Tag über fortwährend so lebendig und charakteristisch, als man sie sich nur wünschen kann, denn wie in der Stadt wird man auch hier stets von einer bunten Menge von Menschen und Tieren umgaukelt, die jede Eigentümlichkeit des Landes darbieten. Oft, wenn ich mich an dieser nicht abbrechenden Reihe exotischer Bilder ergötzte und dann meinen Blick auf das hohe kühle Laubdach über mir warf, das so viel mehr dem Norden als dem Süden anzugehören schien, kam es mir vor, als sei ich noch in Europa und betrachte nur aus einer Allee des Wiener Praters oder Berliner Tiergartens ein gemaltes Diorama Ägyptens.

So erreicht man fast unvermerkt Schubra und tritt, nachdem man neben einer schönen, aus weißem Stein aufgeführten Fontäne vom Pferde gestiegen, in einen Pavillon von Gitterwerk, das blau blühende Winden wie mit einer dichten Tapete umziehen. Durch einen gleich berankten, langen und schattigen Gang von ähnlicher Treillage kommt man hierauf an einen bemalten Kiosk, vor dem sich ein regelmäßiges Blumenparterre in gefälligen Formen ausdehnt. Statt Buchsbaum umfassen kurz geschnittene Myrten und andere wohlriechende Pflanzen, die sich zu Bordüren eignen, seine verschiedenartig gezeichneten Tulpen-, Geranien- und Rosenbeete, und sinnig verteilte junge Zitronenbäume sind so gezogen und beschnitten, daß sie die graziösesten Arkaden mit herabhängenden Festons bilden, bald neben, bald über den Weg sich mit ihren Blüten und Früchten wölbend, während der Boden der Gänge, mit farbigen Meerkieseln sorgsam wie ein Parkett ausgelegt, ein Mosaik geschmackvoller Arabesken darstellt. Mehrere andere Abteilungen, stets in Charakter und Dekorierung abwechselnd, mit Wasserkünsten, Ruhesitzen, Blumenpyramiden, Rondellen, Vasen und Pavillons reich geschmückt und häufig vergoldet, folgen diesem ersten Garten, nur zuweilen getrennt durch dunkle Zypressenmassen und Haine von höheren Waldbäumen. In einem Orangengarten voll roter Früchte und weißer Blüten war der ganze Grund jetzt wie ein Teppich mit Narzissen und Tazetten bedeckt, deren Wohlgeruch fast betäubend wirkte.

Später kommt man zu einem See mit prachtvollen Marmorbädern, zu denen Krokodile das Wasser ausspeien. Jenseits desselben schließt sich eine dunkle, mit einem äußerst zierlichen Bambuszaun eingefaßte Wildnis an, in der viele der seltensten Tiere Raum genug haben, frei umherlaufen zu können. Ich bemerkte unter diesen eine auffallende Antilope aus Darfur, die mit der kleinsten Taille ihres Geschlechts die vollständige äußere Gestalt eines Bisamochsen mit stattlichem Höcker vereinigte. Es ist ein Addax, wie mich ein Naturforscher belehrt, der strepsiceros des Plinius. Auch die schöne Antilope, welche so häufig auf den ägyptischen Monumenten vorkommt, von den Arabern Abou Harb «Vater des Weißen»genannt (der Oryx der Alten), erging sich in diesen Gebüschen. Als eine große Kuriosität aus England ward uns nachher in besonderer Vermachung ein gemeiner nordischer Bär gezeigt, hier so interessant als bei uns die Giraffe.

Der Obergärtner, ein Grieche aus Chios, lud mich ein, nach dem langen Spaziergang in einem der Kiosks auszuruhen, was ich mit Dank annahm. Ich fand das türkische Gartenhaus ganz auf europäische Weise mit vieler Eleganz eingerichtet, unter andern auch mit einem Londner «Patent armchair»versehen, diesem genialen Möbel, dessen Erfinder eine Stelle in Westminster Abey verdiente. Kaum hatte ich mich in wollüstigster Bequemlichkeit darauf hingestreckt, als einige Schwarze hereintraten, bunte Palmblätterkörbe aus dem Sennar voll der köstlichsten Früchte tragend, deren Schubra Winter und Sommer so viel liefert, daß die ganze Hofhaltung Mehemed Alis und seines Harems daraus versorgt werden; und auch wenn der Vizekönig auf Reisen ist, folgen ihm täglich frische Transporte davon nach. Mehemed Ali ist ein großer Freund von Früchten und liebt, wie Friedrich der Große, besonders die Kirschen, welche jedoch hier nicht mehr gedeihen und daher von Kandia bezogen werden müssen. Auch hat das kostbare Dampfschiff der Nile selten eine andere Beschäftigung, als ihm diese und Eis in Menge von dorther zuzuführen.

Diejenigen Früchte, durch welche sich meines Erachtens Schubra am meisten auszeichnet, sind eine eigentümliche Sorte Orangen, deren Fleisch von der schönsten karmesinroten Farbe ist und welche die roten Orangen Maltas und Portugals, obgleich sie vielleicht von ihnen abstammen, doch ebensosehr durch die Schönheit ihrer Farbe, welche selbst durch die Schale hindurchscheint, als durch ihren aromatischen Duft und Geschmack übertreffen.

Einen merkwürdigen Kontrast zu diesen königlichen Gärten bietet das Schloß, das in Europa kaum den Ansprüchen eines bemittelten Landeigentümers genügen würde. Es zeugt von der Einfachheit des Fürsten, der es den größten Teil des Jahres über bewohnt [...].

Ende der Leseprobe

Zweiter Teil: Oberägypten

Dritter Teil: Nubien und Sudan

Buchtipp:
Aus Mehemed Alis Reich
Ägypten und der Sudan um 1840
von Hermann Fürst von Pückler-Muskau,

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