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von Jochen Neuhaus:
Jahreslebensrennen
| 1.
Dann
Baum und Strauch,
behängt mit
Äpfeln, Birnen;
unsichtbar auf Straßen
in der Stadt. Doch
Fernsehobst.
Saure Milch
im Fläschchen.
Wehgeschrei.
Ruhig, ruhig.
Keinen Lärm hier!
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2.
Jetzt
Wälder, geschmückt
mit Festkleid.
Im Supermarkt
schillernde Nikoläuse.
Fort
aus Mauern.
Angst gefressen.
Ganz leicht
gegangen.
Nacht-
geschrei von Vögeln,
ziehenden.
Geschrei auch
beim großen,
heiligen
Sturz.
Am
lautesten schreien die,
die unversehrt
geblieben.
Auch
Fressen,
Gefressenwerden.
Was ist
zuerst?
Habe was,
nehme was.
War er köstlich,
des Nächsten Arm?
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4.
Trotzdem
Winterruhe, erfüllt
mit Glühweingedudel.
Angstgeflohen
Menschen auf
Märkten, gansbestellt:
Kauft,
lieber Herr. ->
Der Masche
nach gesprungen,
die jetzt alle
stricken.
Aus der Flasche
die Englein sungen,
das Kind in der Falle.
Kaltblütig ficken.
Not. Rot. Bloot. Tod!
Hör Zu
versteckt.
Großes Gericht
in Scham.
Davon ich
singn und sagen
will.
Ich will nicht!
Siehe da!
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3.
Danach
Rabengeschrei
im Sturm.
Blätterhaufen,
im Regengarten
zusammengefegt.
Neugeboren,
schon verloren.
Schmerzerkoren.
Trauer, gefeiert
pflichtgemäß. Rot-
gelichtet
Gräberfelder. |
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5.
Jetzt:
Abend,
heilig (wodurch geheiligt?).
Haus und Garten
lichterbewehrt
tausendfach
Höher,
immer höher
im Turm.
Nie klingen
Glocken.
Fall,
Abfall und Sturz. ->
Die Hütte ...
Nichts
geschieht, allem
Volke widerfahren.
Kind vergessen,
Gänse aufgefressen.
Es
können auch sein
Krieg und Mord.
Frieden auf Erden.
Welchen Erden? |
| ->
Theodor Storm (1817 – 1888), Weihnachtsabend.
1852
Die fremde Stadt durchschritt
ich sorgenvoll,
der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl
der Kinderjubel und des Markts Gebraus.
Und wie der Menschenstrom
mich fortgespült,
drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
„Kauft, lieber Herr!“ Ein magres
Händchen hielt
feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.
Ich schrak empor, und beim
Laternenschein
sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
erkannt’ ich im Vorübertreiben nicht.
Nur von dem Treppenstein,
darauf es saß,
noch immer hört’ ich, mühsam,
wie es schien:
„Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn
Unterlass;
doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.
Und ich? – War’s
Ungeschick, war es die Scham,
am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh’ meine Hand zu meiner Börse kam,
verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.
Doch als ich endlich war mit
mir allein,
erfasste mich die Angst im Herzen so,
als säß mein eigen Kind auf jenem
Stein
und schrie nach Brot, indessen ich entfloh. |
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| 6.
Zuletzt
raus
durch die Hintertür;
stolpere über Müll.
Vorn
offen die Haustür,
rahmengeschmückt
mit Kiefernzweigen.
Schon
drinnen, richten wir
uns ein.
Furchtsamverwegen.
Gottes-
leuchten
über Raketen.
Welch ein Lärm!
Leise,
seid doch leise,
bitte.
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7.
Schließlich
Mond
kippt um, bleibt
hängen in eisiger
Nacht. Schnee-
gestöber, nur ein wenig.
Trotzdem
Chaos überall. Was
eben begann,
ist schon das Alte.
Topf-
Rad- (pfauenhoch-
näsig) und Rat-
Uhren-
Teig-
Finger-
Körper-
Schlagen
(liest die Zeitung).
Sonst stumm.
Tage gewonnen,
Blut geronnen.
Narben schonen,
im Stillen wohnen.
Bomben
an Leibern,
geheiligten.
Bilanzfälschung.
Charmant. |
8.
Auch
frostige
Äcker, bestellte
(ohne Rösslein,
versteht sich).
Weltcup in
irgendetwas.
Muss,
müssen nicht
im Dunklen wandern.
Jeder frei lebt
... unter den Menschen.
Kakerlaken
im Dschungel,
köstlich zubereitet für
Millionen.
Sterne
fallen vom Himmel,
sitzen beim Casting.
Naddels vor
Scherben. |
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9.
Zudem
Flamme empor!
Matzen und Eier
(hartgekochte),
Nikolausschokoladenhase
(mit Glöckchen am Hals).
Davor aber
Haupt geneigt,
Schmerz beweint.
Alles vergeigt.
Du
hast vergessen.
Mich.
Warum?
Auch
schwarzen
Lumpensammler.
Warum?
Darum.
Lirum larum
fällt das Kind um,
Ich fall raus
und du bist aus.
Aus bist du noch
lange nicht,
sag mir erst ...
Nicht sagen,
nicht schweigen.
Nicht hören,
nicht fühlen.
Fass nicht an
mich,
ihn, sie!
Lass mich!
Geschlagen er,
getreten mit Stiefeln,
auch schon mal
umgebracht.
Beifall.
Warum?
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| 10.
Außerdem
blaue Blume.
Vergissmeinnicht.
Kuckucksruf
(Geld in der Tasche.
Jahre zählen.).
Wer
hat gerufen?
Du warst es.
Warst du es?
Glanzbilder
von geilen Stränden,
Betonkästen,
Menschenwaben
darin (mit Wabenmenschen?)..
Für
nur 19 (neunzehn) Euro
nach London.
Insel,
alles drin,
auch schwarzer Diener.
Für
junges Blut
nur
geringer Aufschlag. |
11.
Sonst
Weltenschein
im www. oder
als @.
Info?
Info.
Info!
Lust
auf Habgier und
Selbstsucht.
Selbst
Schnäppchen
haben itztund
Generationenfolgen.
Finger-
zahlen. Wissen
überall.
Wörter überall,
unendlich.
Habe
ich gehört
deine Worte?
Kann auch
eine Mutter
ihre Kindlein ... |
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12.
Schlussendlich
neues Europa,
schießbereit,
küssend unterwürfig
Stiefel.
Reihen
geschlossen,
fest.
Imperativ
ist alt,
kategorischer,
uralt.
Du
bist gekommen?
Du?
Ja, du bists.
Stumme Freude,
Sonnenherzklopfen
in Lende und Nacken.
Dein Herz,
dein Mund,
deine Hand.
Ja.
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Recht,
Völker-,
Menschen-
würde des ...
ist alt,
uralt.
Antastbar.
Mit Q-tips
im Mund
des Besiegten.
Stürme,
Wasserfluten
schwemmen über
Land und Leute.
Alles schön
gerichtet,
vernichtet,
gedichtet.
Indessen ich entfloh.
ANGST UND DOCH FREUDE.
NOT UND DOCH HOFFNUNG.
MORGEN AUCH NOCH.
JA! |
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Alle Rechte an dem Gedicht bei © Jochen Neuhaus.
Mit freundlicher Genehmigung
vom Autor veröffentlicht bei onlinekunst.de |
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