Der Computergarten am 10. Mai
Johann Peter Hebel
, Seite 3

Kirschbaumblüte

Blühender Baum: Kirschbaumblüte
Digitalfoto vom Mai 2002 von © Inga Schnekenburger


Der lieb Gott het zum Früehlig gseit:
"Gang, deck im Würmli au si Tisch!"
Druf het der Chriesbaum Blätter treit,
viel tausig Blätter grüen und frisch.

Und's Würmli, us em Ei verwacht's
's het gschlofen in sim Winterhus;
es streckt si und sperrt 's Müli uf
Und ribt die blöden Augen us.

Und druf, se het's mit stillem Zahn
am Blättli gnagt enanderno
und gseit: "Wie isch das Gmües so guet!
Me chunnt schier nimme weg dervor".

Und wieder het der lieb Gott gseit:
"Deck jetz im Imli au si Tisch!"
Druf het der Chriesbaum Blüete treit,
viel tausig Blüete wiß un frisch.

Und's Imli sieht's und fliegt druf los,
früeih in der Sunne Morgeschin;
es denkt: "Das wird mi Kaffi sy,
sie hen doch chosper Porzelin.

Wie sufer sind di Chächeli gschwenkt!"
Es streckt si troche Züngli dry.
Es trinkt und seit: "Wie schmeckt's so süeß,
Do mueß der Zucker wolfel sy."

Der lieb Gott het zuem Summer gseit:
"Gang, deck im Spätzli au si Tisch!"
Druf het der Chriesbaum Früchte treit,
viel tausig Chriesi rot und frisch.

Und's Spätzli seit: ""sch das der Bricht?
Do sitzt me zue und frogt nit lang.
Das git mer Chraft im Mark und Bei
und stärkt mer d' Stimm zuem neue Gsang."

Der lieb Gott het zum Spötlig gseit:
"Rum ab! sie hen jetz alli gha!"
Druf het e chüele Bergluft gweiht,
und's het scho chleini Rife g'ha.

Und 'd Blättli werden gel und rot
und fallen eis im andere no,
und was vom Boden obsi chunnt,
muß au zuem Bode nidsi go.

Der lieb Gott het zuem Winter gseit:
"Deck weidli zui, was übrig isch."
Druf het der Winter Flocke gstreut -

 

Gedicht in Mundart von Johann Peter Hebel

 

Cover

Johann Peter Hebels Alemannische Gedichte
von Johann Peter Hebel, Ludwig Richter
Gebundene Ausgabe - 240 Seiten - Langewiesche-Brandt
Erscheinungsdatum: 1995
ISBN: 378460157X
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Anmerkung

Wir haben lange nach der Mundart-Fassung des Gedichtes gesucht. Am 11. Mai 2002 erhielt ich eine eMail von Herrn Klaus Heidinger, der mir das Gedicht zuschickte. Darüberhinaus hat Herr Heidinger interessante Details zu dem Gedicht mitgeteilt:

"[...] Dieses Gedicht ist meines Wissens nie einzeln erschienen und abgedruckt worden, sondern ist eingebettet in die Erzählung "Baumzucht" von Johann Peter Hebel von 1811. Ich schicke Ihnen nur das in dieser Erzählung in zwei Teilen verstreute Gedicht. Falls Sie die ganze Geschichte möchten, dann schreiben Sie mir bitte zurück. Die Geschichte selbst ist in Hochdeutsch verfasst, nur das Gedicht ist in alemanischer Mundart. [...]

Wie Sie sehen, gibt es die letzte Zeile, die in der hochdeutschen Fassung vorhanden ist, bei Johann Peter Hebel nicht. Ich habe den Text aus dem Sammelband "Deutscher Geist. Ein Lesebuch aus zwei Jahrhunderten", Erster Band. Erschienen sind die beiden Bände im Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1982. Das Buch hat leider keine ISBN-Nummer, da es sich um eine Sonderausgabe handelt. Die Geschichte steht in diesem Band auf Seite 334 ff.

Die Erzählung "Baumzucht" von Johann Peter Hebel erschien in dem
"Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes", Tübingen 1811. "

Herzlichen Dank an Klaus Heidinger!

I.S.

Übersicht Computergarten 1.- 15. Mai

Johann Peter Hebel im Computergarten Seite 1

 

 
 

 

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