Abbildung links: Studie
von Michelangelo. Rechts: Studie zum Ignudo, 1511, Rötel-
und Kohlezeichnung, 27 x 23 cm, Teyler, Haarlem
Und
er reduzierte die Skulptur
Auf ihre einfachste Form, auf die einzelstehende Statue;
er schätzte Reliefs und Gruppen wenig, schuf sie
auch kaum [...]. Was wir von seiner Arbeitsweise durch
Cellini und Vasari wissen, könnte uns sogar dazu
bringen, zu sagen, dass das Prinzip seiner Bildhauerkunst
und seiner gesamten Kunst im Grunde die Zeichnung war,
denn sie war die direkteste und unmateriellste Form
seines Denkens.
Niemand hat gezeichnet wie er, und Charles Blanc hat
recht, wenn er sagt, dass "er vielleicht unterschiedlich
in seinen Skulpturen wie in seinen Fresken ist, aber
niemals in seinen Zeichnungen; selbst die scheinbar
nachlässigste, oberflächlichste verrät
keine Schwäche seiner Hand, keine Ablenkung, kein
Nachlassen seines Geistes."
Nicht nur dringt man mit den Zeichnungen in das Mysterium
seines Schaffens, in die Träume und Monologe seiner
einsamen Seele ein, sondern man findet in ihnen seinen
intimsten und vollkommensten Ausdruck. Dort ist er gänzlich
er selbst, wie es Beethoven in seinen Quartetten oder
kleinen Klavierstücken war. Ich ziehe diesen Vergleich
mit Absicht, denn ihrer beider Genie, einsam, intellektuell
und leidenschaftlich, verwirklichte sich nur gänzlich
in den einfachsten und abstraktesten Formen, an denen
die Sinne den geringsten und der Geist den größten
Anteil haben [...].
Romain Rolland Michel-Ange, Paris 1943
Michelangelo - Zeichnungen
Abbildung:
Frauenkopf von Michelangelo, circa 1522, Rötelzeichnung,
20, 3 cm x 16,5 cm, Ashmolean Museum, Oxford. Die
Vergrößerung rechts zeigt deutlich die
wunderbare Schraffurtechnik Michelangelos.
Buchtipp
Perrig, Alexander Michelangelo's
Drawings
The Science of Attribution.
YALE UNIV PRESS, 1991