Kind in Qaqortoq
"Wir waren in Qaqortoq, der größten
Stadt Südgrönlands. 3.150 Menschen
leben dort. Als wir das Rathaus besuchten,
standen vor dem Eingang drei Kinderwagen.
Es war so eine Art Zahltag. Die Mütter
hatten ihre Kinder vor der Tür abgestellt,
während sie sich ihre Sozialhilfe abholten.
Das Licht war schön. Und es war warm. Wir waren Anfang Juli dort, 14 Tage. Morgens ist es in Qaqortoq oft nebelig gewesen, aber am späten Vormittag kam die Sonne. Mittags saßen wir im T-Shirt auf dem Marktplatz und tranken Kaffee. In Grönland.
Ich suchte Spuren der Inuit, die von Asien über das Eis gekommen waren. Spuren wie die Augen eines Kindes. Doch Spuren verwischen.
Seit der Missionierung steht die Welt der Inuit kopf. Plötzlich soll alles Gute vom Himmel kommen. Früher kam alles aus dem Wasser. Von der Mutter des Meeres. Sie jagten Robben. Sie aßen ihr Fleisch, nahmen ihre Felle und wärmten sich an ihnen, während über dem Tran das Wasser kochte.
Ich bewundere das. Doch es war Überlebenskampf, lebensbedrohlich. Tagelang, nächtelang warteten sie neben einem Eisloch auf eine Robbe. In Grönland gibt es Fischfabriken, in denen eigentlich Kabeljau verarbeitet werden sollte, doch sie stehen leer. Wie das Meer, das keine Fische mehr hat."
aufgezeichnet von Gesine Kulcke

