Allerleirauh

Illustration
von Otto Ubbelohde
Otto Ubbelohde wurde am 5. Januar
1867 in Marburg geboren,
er starb am 8. Mai 1922 in Goßfelden.
Ein
Märchen der Brüder Grimm
Es
war einmal ein König, der hatte eine Frau mit
goldenen Haaren, und sie war so schön, daß sich
ihresgleichen nicht mehr auf Erden fand. Es geschah,
daß sie krank lag, und als fühlte sie bald, daß
sie sterben würde, rief sie den König und sprach:
"Wenn du nach meinem Tode dich wieder vermählen
willst, so nimm keine, die nicht ebenso schön
ist, als ich bin, und die nicht solche Haare hat,
wie ich habe; das mußt du mir versprechen!" Nachdem
es ihr der König versprochen hatte, tat sie die
Augen zu und starb.
Der
König war lange Zeit nicht zu trösten und dachte
nicht daran, eine zweite Frau zu nehmen. Endlich
sprachen seine Räte:" es geht nicht anders, der
König muß sich wieder vermählen, damit wir eine
Königin haben." Nun wurden Boten weit und breit
herumgeschicktm eine Braut zu suchen, die an Schönheit
der verstorbenen Königin ganz gleichkäme. Es war
aber keine in der ganzen Welt zu finden, und wenn
man sie auch gefunden hätte, so war doch keine
da, die solche goldene Haare gehabt hätte. Also
kamen die Boten unverrichteter Sache wieder heim.
Nun
hatte der König eine Tochter, die war geradeso
schön wie ihre verstorbene Mutter und hatte auch
solche goldene Haare. Als sie herangewachsen war,
sah sie der König einmal an und sah, daß sie in
allem seiner verstorbenen Gemahlin ähnlich war,
und fühlte plötzlich eine heftige Liebe zu ihr.
Da sprach er zu seinen Räten: "Ich will meine
Tochter heiraten, denn sie ist das Ebenbild meiner
verstorbenen Frau, und sonst kann ich doch keine
Braut finden, die ihr gleicht." Als die Räte das
hörten, erschraken sie und sprachen: "Gott hat
verboten, daß der Vater seine Tochter heirate,
aus der Sünde kann nichts Gutes entspringen,
und das Reich wird mit ins Verderben gezogen."
Die Tochver erschrak noch mehr, als sie den Entschluß
ihres Vaters vernahm, hoffte aber, ihn von seinem
Vorhaben noch abzubringen.
Da
sagte sie zu ihm: "Eh ich Euren Wunsch erfülle,
muß ich erst drei Kleider haben: eins so golden
wie die Sonne, eins so silbern wie der Mond und
eins so glänzend wie die Sterne; ferner verlange
ich einen Mantel von tausenderlei Pelz und Rauchwerk
zusammengesetzt, und ein jedes Tier in Eurem Reich
muß ein Stück von seiner Haut dazu geben." Sie
dachte aber: Das anzuschaffen ist ganz unmöglich,
und ich bringe damit meinen Vater von seinen bösen
Gedanken ab. Der König ließ aber nicht ab, und
die geschicktesten Jungfrauen in seinem Reiche
mußten die drei Kleider weben, eins so golden
wie die Sonne, eins so silbern wie der Mond und
eins so glänzend wie die Sterne, und seine Jäger
mußten alle Tiere im ganzen Reiche auffangen und
ihnen ein Stück von ihrer Haut abziehen; daraus
ward ein Mantel aus tausenderlei Rauchwerk gemacht.
Endlich, als alles fertig war, ließ der König
den Mantel herbeiholen, breitete ihn vor ihr aus
und sprach: "Morgen soll die Hochzeit sein !"
Als
nun die Königstochter sah, daß keine Hoffnung
mehr war, ihres Vaters Herz umzuwandeln, so faßte
sie den Entschluß zu entfliehen. In der Nacht,
während alles schlief, stand sie auf und nahm
von ihren Kostbarkeiten dreierlei: einen goldenen
Ring, ein goldenes Spinnrädchen und ein goldenes
Haspelchen; die drei Kleider von Sonne, Mond und
Sterne tat sie in eine Nußschale, zog den Mantel
von allerlei Rauchwerk an und machte sich Gesicht
und Hände mit Ruß schwarz. Dann befahl sie sich
Gott und ging fort und ging die ganze Nacht, bis
sie in einen großen Wald kam. Und weil sie müde
war, setzte sie sich in einen hohlen Baum und
schlief ein.
Die
Sonne ging auf, und sie schlief fort und schlief
noch immer, als es schon hoher Tag war. Da trug
es sich zu, daß der König, dem dieser Wald gehörte,
darin jagte. Als seine Hunde zu dem Baum kamen,
schnupperten sie, liefen rings herum und bellten.
Sprach der König zu den Jägern: "Seht nach, was
dort für ein Wild sich versteckt hat." Die Jäger
folgten dem Befehl, und als sie wiederkamen, sprachen
sie: "In dem hohlen Baum liegt ein wunderliches
Tier, wie wir noch niemals eins gesehen haben;
an seiner Haut ist tausenderlei Pelz; es liegt
aber und schläft." Sprach der König "Seht zu,
ob ihr's lebendig fangen könnt, dann bindet's
auf den Wagen und nehmt's mit." Als die Jäger
das Mädchen anfaßten, erwachte es voll Schrecken
und rief ihnen zu "Ich bin ein armes Kind, von
Vater und Mutter verlassen, erbarmt euch mein
und nehmt mich mit !" Da sprachen sie: Allerleirauh,
du bist gut für die Küche, komm nur mit, da kannst
du die Asche zusammenkehren." Also setzten sie
es auf den Wagen und fuhren heim in das königliche
Schloß. Dort wiesen sie ihm ein Ställchen an unter
der Treppe, wo kein Tageslicht hinkam, und sagten:
"Rauhtierchen, da kannst du wohnen und schlafen."
Dann ward es in die Küche geschickt, da trug es
Holz und Wasser, schürte das Feuer, rupfte das
Federvieh, belas das Gemüs', kehrte die Asche
und tat alle schlechte Arbeit.
Da
lebte Allerleirauh lange Zeit recht armselig.
Ach, du schöne Königstochter, wie soll's mit dir
noch werden ! Es geschah aber einmal, daß ein
Fest im Schloß gefeiert ward, da sprach sie zum
Koch: "Darf ich ein wenig hinaufgehen und zusehen
? Ich will mich außen vor die Türe stellen." Antwortete
der Koch: "Ja, geh nur hin, aber in einer halben
Stunde mußt du wieder hier sein und die Asche
zusammentragen !" Da nahm sie ihr Öllämpchen,
ging in ihr Ställchen, zog den Pelzrock aus und
wusch sich den Ruß von dem Gesicht und den Händen
ab, so daß ihre volle Schönheit wieder an den
Tag kam. Dann machte sie die Nuß auf und holte
ihr Kleid hervor, das wie die Sonne glänzte. Und
wie das geschehen war, ging sie hinauf zum Fest,
und alle traten ihr aus dem Weg, denn niemand
kannte sie, und meinten nicht anders, als daß
es eine Königstochter wäre. Der König aber kam
ihr entgegen, reichte ihr die Hand und tanzte
mit ihr und dachte in seinem Herzen: So schön
haben meine Augen noch keine gesehen. Als der
Tanz zu Ende war, verneigte sie sich, und wie
sich der König umsah, war sie verschwunden, und
niemand wußte wohin. Die Wächter, die vor dem
Schlosse standen, wurden gerufen und ausgefragt,
aber niemand hatte sie erblickt.
Sie
war aber in ihr Ställchen gelaufen, hatte geschwind
ihr Kleid ausgezogen, Gesicht und Hände schwarz
gemacht und den Pelzmantel umgetan und war wieder
Allerleirauh. Als sie nun in die Küche kam und
an ihre Arbeit gehen und die Asche zusammenkehren
wollte, sprach der Koch: "Laß das gut sein bis
morgen und koche mir da die Suppe für den König,
ich will auch einmal ein bißchen oben zugucken,
aber laß mir kein Haar hineinfallen, sonst kriegst
du in Zukunft nichts mehr zu essen !" Da ging
der Koch fort, und Allerleirauh kochte die Suppe
für den König und kochte eine Brotsuppe, so gut
es konnte, und wie sie fertig war, holte es in
dem Ställchen seinen goldenen Ring und legte ihn
in die Schüssel, in welche die Suppe angerichtet
ward. Als der Tanz zu Ende war, ließ sich der
König die Suppe bringen und aß sie, und sie schmeckte
ihm so gut, daß er meinte, niemals eine bessere
Suppe gegessen zu haben.
Wie
er aber auf den Grund kam, sah er da einen goldenen
Ring liegen und konnte nicht begreifen, wie er
dahingeraten war. Da befahl er, der Koch sollte
vor ihn kommen. Der Koch erschrak, wie er den
Befehl hörte, und sprach zum Allerleirauh: "Gewiß
hast du ein Haar in die Suppe fallen lassen; wenn's
wahr ist, so kriegst du Schläge !" Als er vor
den König kam, fragte dieser, wer die Suppe gekocht
hätte. Antwortete der Koch: "Ich habe sie gekocht."
Der König sprach: "Das ist nicht wahr, denn sie
war auf andere Art und viel besser gekocht als
sonst." Antwortete er: "Ich muß gestehen, daß
ich sie nicht gekocht habe, sondern das Rauhtierchen."
Sprach der König: "Geh und laß es heraufkommen."
Als
Allerleirauh kam, fragte der König: "Wer bist
du ?" "Ich bin ein armes Kind, das keinen Vater
und Mutter mehr hat." Fragte er weiter: "Wozu
bist du in meinem Schloß ?" Antwortete es: "Ich
bin zu nichts gut, als daß mir die Stiefel um
den Kopf geworfen werden." Fragte er weiter: "Wo
hast du den Ring her, der in der Suppe war?" Antwortete
es: "Von dem Ring weiß ich nichts." Also konnte
der König nichts erfahren und mußte es wieder
fortschicken.
Über
eine Zeit war wieder ein Fest, da bat Allerleirauh
den Koch wie vorigesmal um Erlaubnis, zusehen
zu dürfen. Antwortete er: "Ja, aber komm in einer
halben Stunde wieder und koch dem König die Brotsuppe,
die er so gerne ißt." Da lief es in sein Ställchen,
wusch sich geschwind und nahm aus der Nuß das
Kleid, das so silbern war wie der Mond, und tat
es an. Da ging sie hinauf und glich einer Königstochter,
und der König trat ihr entgegen und freute sich,
daß er sie wiedersah, und weil eben der Tanz anhub,
so tanzten sie zusammen. Als aber der Tanz zu
Ende war, verschwand sie wieder so schnell, daß
der König nicht bemerken konnte, wo sie hinging.
Sie
sprang aber in ihr Ställchen und machte sich wieder
zum Rauhtierchen und ging in die Küche, die Brotsuppe
zu kochen. Als der Koch oben war, holte es das
goldene Spinnrad und tat es in die Schüssel, so
daß die Suppe darüber angerichtet wurde. Danach
ward sie dem König gebracht, der aß sie und sie
schmeckte ihm so gut wie das vorigemal, und ließ
den Koch kommen, der mußte auch diesmal
gestehen, daß Allerleirauh die Suppe gekocht hätte.
Allerleirauh kam da wieder vor den König, aber
sie antwortete, daß sie nur dazu wäre, daß ihr
die Stiefel an den Kopf geworfen würden und daß
sie von dem goldenen Spinnrädchen gar nichts wüßte
Allerleirauh
kocht die Suppe für den König.
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von Otto Ubbelohde
Als
der König zum drittenmal ein Fest anstellte, da
ging es nicht anders als die vorigen Male. Der
Koch sprach zwar: "Du bist eine Hexe, Rauhtierchen,
und tust immer was in die Suppe, davon sie so
gut wird und dem König besser schmeckt als was
ich koche." Doch weil sie so bat, so ließ er es
auf die bestimmte Zeit hingehen. Nun zog es ein
Kleid an, das wie die Sterne glänzte, und trat
damit in den Saal. Der Konig tanzte wieder mit
der schönen Jungfrau und meinte, daß sie noch
niemals so schön gewesen wäre. Und während er
tanzte, steckte er ihr, ohne daß sie es merkte,
einen goldenen Ring an den Finger und hatte befohlen,
daß der Tanz recht lang währen sollte.
Wie
er zu Ende war, wollte er sie an den Händen festhalten,
aber sie riß sich los und sprang so geschwind
unter die Leute, daß sie vor seinen Augen verschwand.
Sie lief, was sie konnte, in ihr Ställchen unter
der Treppe, weil sie aber zu lange und über eine
halbe Stunde geblieben war, so konnte sie das
schöne Kleid nicht ausziehen, sondern warf nur
den Mantel von Pelz darüber, und in der Eile machte
sie sich auch nicht ganz rußig, sondern ein Finger
blieb weiß. Allerleirauh lief nun in die Küche
kochte dem König die Brotsuppe und legte, wie
der Koch fort war, den goldenen Haspel hinein.
Der König, als er den Haspel auf dem Grunde fand,
ließ Allerleirauh rufen, da erblickte er den weißen
Finger und sah den Ring, den er im Tanze ihr angesteckt
hate.
Da
ergriff er sie an der Hand und hielt sie fest,
und als sie sich losmachen und fortspringen wollte,
tat sich der Pelzmantel ein wenig auf, und das
Sternenkleid schimmerte hervor. Der König faßte
den Mantel und riß ihn ab. Da kamen die goldenen
Haare hervor, und sie stand da in voller Pracht
und konnte sich nicht länger verbergen. Und als
sie Ruß und Asche aus ihrem Gesicht gewischt hatte,
da war sie schöner, als man noch jemand auf Erden
gesehen hat. Der König aber sprach: "Du bist meine
liebe Braut, und wir scheiden nimmermehr voneinander
!" Darauf ward die Hochzeit gefeiert, und sie
lebten vergnügt bis zu ihrem Tod.
zum
Thema:
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