Das Auge des
Betrachters sieht ein Paar, versunken in
einem Kuss. Die Welt scheint ausgeblendet.
Sie kniet vor ihm – auf einer Blumenwiese?
Oder vielmehr am Rande des Abgrunds? Zumindest
sehen wir die Wiese nicht als tragenden,
Sicherheit verheißenden Grund für
beide. Durch die Gestalt der Geliebten wird
die Wiese begrenzt, die hinter ihr einer
steil abfallenden Klippe gleicht, hinter
der tödlicher Absturz lauert. Die Wiese
ist nicht der Boden, der die Geliebte trägt
und dennoch korrespondieren die Blumen mit
denen ihres Gewandes; vielleicht wird hier
die Hoffnung angedeutet, die sie aus der
Einsamkeit, aus dem Nichts, aus dem sie
kommen mag, erlösen könnte.
Der Geliebte – groß,
stattlich, umhüllt mit einem prächtigen,
goldenen Gewand. Das Efeu in seinem Haar
erinnert an den Lorbeerkranz des Helden
– selbstbewusst, sieggewohnt. Er mag
die Geliebte zu sich hingezogen, ihr bedeutet
haben: Betritt auch du den Grund, der mich
trägt. Die Blumen des Bodens auf dem
ich stehe, sollen auch zu deiner Freude
blühen. Ich biete dir meine liebende
Hand, baue du darauf auf… Und sie
mag gezaudert haben, denn die Einsamkeit,
in die man sich einrichtet, birgt auch Sicherheiten.
Sich zu öffnen, damit verletzbar zu
werden, sich auszuliefern, fordert ihr noch
zu viel ab und so kniet sie vor ihm nieder,
lässt sich von ihm umfangen, die Augen
geschlossen, den inneren Blick auf die Sehnsucht
gerichtet, die sie immer noch suchen lässt.
Sie kann ihre Angst noch nicht
loslassen, ihre angespannte Körperhaltung
verrät es allzu deutlich. In die Richtung
des Geliebten hält sie ihr Gesicht,
aber es ist ihm nicht wirklich zugewandt.
Ihre Schultern sind hochgezogen, eckig,
fast knöchern, Abstand einfordernd.
Die Weichheit der Hingabe mag sie noch nicht
schenken. Der Geliebte dehnt seinen Kopf
weit zu ihr hin, umfängt mit beiden
Händen ihr Gesicht und erreicht mit
seinem Kuss ihre Lippen dennoch nicht.
Ihre Hand hält seine
rechte Hand fest und verhindert so
die Berührung der Lippen. Ihre
rechte Hand liegt auf seiner Schulter,
verkrampft, gekrümmt, als zwinge
sie sich zu dieser Geste. Loslassen
– die schwerste Übung,
die die Liebe für uns bereit
hält. Sie mag spüren, dass
sie diese Hürde noch meistern
muss, um wehrlose Hingabe zu ermöglichen.
Und der Geliebte? Spricht
aus ihm der Eroberer? Oder möchte
er die Angebetete vielmehr in seinen
Schutz hineinnehmen? Der Maler deutet
es mit der Ausdehnung seines Gewandes
an, dass er wie einen Umhang um sie
legt. Dass beide Gewänder keine
rechte Abgrenzung mehr zueinander
wahrnehmen lassen, dass ein „im-anderen-aufgehen“
hier angedeutet wird, der Betrachter
mag es als Hoffnung an die Zukunft
in sich aufnehmen.
Autorin: Susanne Hell
Kommentar
von onlinekunst.de: Besonders
schön fanden wir, dass sich die Autorin
sehr in die Szene hineingefühlt hat
und fast ohne Formalangaben das Bild sehr
detailliert in Worten wiedergibt.
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