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Gustav Klimt: Der Kuss.
Bildbetrachtung von Susanne Hell

Gustav Klimt: Der Kuss; 1907-1908
Maße: 180 x 180 cm. Technik: Öl auf Leinwand
Ort: Wien, Österreichische Galerie
Jugendstil

Das Auge des Betrachters sieht ein Paar, versunken in einem Kuss. Die Welt scheint ausgeblendet. Sie kniet vor ihm – auf einer Blumenwiese? Oder vielmehr am Rande des Abgrunds? Zumindest sehen wir die Wiese nicht als tragenden, Sicherheit verheißenden Grund für beide. Durch die Gestalt der Geliebten wird die Wiese begrenzt, die hinter ihr einer steil abfallenden Klippe gleicht, hinter der tödlicher Absturz lauert. Die Wiese ist nicht der Boden, der die Geliebte trägt und dennoch korrespondieren die Blumen mit denen ihres Gewandes; vielleicht wird hier die Hoffnung angedeutet, die sie aus der Einsamkeit, aus dem Nichts, aus dem sie kommen mag, erlösen könnte.

Der Geliebte – groß, stattlich, umhüllt mit einem prächtigen, goldenen Gewand. Das Efeu in seinem Haar erinnert an den Lorbeerkranz des Helden – selbstbewusst, sieggewohnt. Er mag die Geliebte zu sich hingezogen, ihr bedeutet haben: Betritt auch du den Grund, der mich trägt. Die Blumen des Bodens auf dem ich stehe, sollen auch zu deiner Freude blühen. Ich biete dir meine liebende Hand, baue du darauf auf… Und sie mag gezaudert haben, denn die Einsamkeit, in die man sich einrichtet, birgt auch Sicherheiten. Sich zu öffnen, damit verletzbar zu werden, sich auszuliefern, fordert ihr noch zu viel ab und so kniet sie vor ihm nieder, lässt sich von ihm umfangen, die Augen geschlossen, den inneren Blick auf die Sehnsucht gerichtet, die sie immer noch suchen lässt.

Sie kann ihre Angst noch nicht loslassen, ihre angespannte Körperhaltung verrät es allzu deutlich. In die Richtung des Geliebten hält sie ihr Gesicht, aber es ist ihm nicht wirklich zugewandt. Ihre Schultern sind hochgezogen, eckig, fast knöchern, Abstand einfordernd. Die Weichheit der Hingabe mag sie noch nicht schenken. Der Geliebte dehnt seinen Kopf weit zu ihr hin, umfängt mit beiden Händen ihr Gesicht und erreicht mit seinem Kuss ihre Lippen dennoch nicht.

Ihre Hand hält seine rechte Hand fest und verhindert so die Berührung der Lippen. Ihre rechte Hand liegt auf seiner Schulter, verkrampft, gekrümmt, als zwinge sie sich zu dieser Geste. Loslassen – die schwerste Übung, die die Liebe für uns bereit hält. Sie mag spüren, dass sie diese Hürde noch meistern muss, um wehrlose Hingabe zu ermöglichen.

Und der Geliebte? Spricht aus ihm der Eroberer? Oder möchte er die Angebetete vielmehr in seinen Schutz hineinnehmen? Der Maler deutet es mit der Ausdehnung seines Gewandes an, dass er wie einen Umhang um sie legt. Dass beide Gewänder keine rechte Abgrenzung mehr zueinander wahrnehmen lassen, dass ein „im-anderen-aufgehen“ hier angedeutet wird, der Betrachter mag es als Hoffnung an die Zukunft in sich aufnehmen.

Autorin: Susanne Hell

 

Kommentar von onlinekunst.de: Besonders schön fanden wir, dass sich die Autorin sehr in die Szene hineingefühlt hat und fast ohne Formalangaben das Bild sehr detailliert in Worten wiedergibt.

Linktipp: Weitere Bildbetrachtungen von Heidemarie Andrea Sattler und einige Kurzbetrachtungen


Beitrag zu unserem Wettbewerb 2005: Bildbetrachtung, Bildbesprechung

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