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foto: einsame birke
von © inga schnekenburger 2002 |
Das Birkenbäumchen
Ich weiß den Tag, es war wie heute,
ein erste Maitag, weich und mild,
und die erwachten Augen freute
das übersonnte Morgenbild.
Der frohe Blick lief hin und wieder,
wie sammelt er die Schätze bloß?
So pflückt ein Kind im auf und nieder
sich seine Blumen in den Schoß.
Da sah ich dicht am Wegesaume
ein Birkenbäumchen einsam stehn,
rührend im ersten Frühlingsflaume.
Konnt' nicht daran vorübergehn.
In seinem Schatten stand ich lange,
hielt seinen schlanken Stamm umfaßt
und legte leise meine Wange
an seinen kühlen Silberbast.
Ein Wind flog her, ganz sacht, und wühlte
im zarten Laub wie Schmeichelhand.
Ein Zittern lief herab, als fühlte
das Bäumchen, daß es Liebe fand.
Und war vorher die Sehnsucht rege,
hier war sie still, in sich erfüllt;
es war, als hätte hier am Wege
sich eine Seele mir enthüllt.
Gustav Falke |
| Gustav Falke, Deutscher
Schriftsteller. Er schrieb Lyrik und Erzählungen,
auch in niederdeutscher (plattdeutscher) Sprache.
Gustav Falke wurde am 11. Januar 1853 in Lübeck
geboren. Falke war vielfach begabt. Er war musikalisch
und schrieb früh. Er machte eine Lehre als
Buchhändler in Hamburg, später arbeitete
er in Lübeck, Essen, Hildburghausen und in
Stuttgart. 1880 kehrte er nach Hamburg zurück
und arbeitete hier als Klavierlehrer. Gustav Falke
starb am 8. Februar 1916 in Großborstel in
der Nähe von Hamburg. |