| Aurbacher
Schwank: Der Hahn im Korb
Zur Zeit, da es noch Sitte war, Narren
zu halten an den Höfen, hatte ein
Fürst einen solchen Schalk, der wegen
seiner lustigen Streiche und gescheiten
Einfälle bekannt und beliebt war.
Eines Mittags, da man zur Tafel ging,
aber der Narr noch fehlte, sagte der Fürst
zu den eingeladenen Herren, um den Narren
mit guter Art züchtigen zu können,
habe er einen Schwank im Sinne. Es sollte
jeder von ihnen ein Ei zu sich stecken
und wenn er's befehle, herfürlangen.
Als sie nun sämtlich bei Tafel saßen
und die Reden durcheinander liefen und
überlaut wurden, rief der Fürst,
scheinbar vor Unmut: "Das gackert
und gluckt ja, als wenn ein Hennenvolk
beisammen wäre!
Nun will ich aber auch die Eier sehen,
die gelegt werden, geschwind!" Und
er wandte sich zum Nächsten, der
neben ihm saß.
Der duckte und schmuckte sich alsogleich
und druckte und legte das Ei vor sich
auf den Tisch. Desgleichen taten der andere,
der dritte, die übrigen, so wie die
Reihe an sie kam. Zuletzt war's am Narren,
dass er ein Ei legen sollte.
Der aber erhob sich auf seinem Sitz und
schlug mit den Armen, als wie mit Flügeln
und schrie: "Kikeriki!" - "Was
will das?" ,fragte der Fürst.
"Ei" ,antwortete der Narr, "da,
wo so viele Hennen sind, muss ja doch
wohl auch ein Hahn sein." Dieser
Einfall ergötzte den Herrn und der
Narr entging nicht nur der zugedachten
Züchtigung, sondern verblieb auch,
was er bisher gewesen, der Hahn im Korb. |
Weiteres
Geburtstagskind
Ludwig
Aurbacher
Auerbacher wurde am 26.08.1784 in Türkheim/Schwaben
geboren. Sein Vater war Nagelschmied.
Auerbacher besuchte die Schule in Landsberg
und war seit 1793 Chorknabe in Dießen/Ammersee.
Von 1795-1796 besuchte er das Benediktinerseminar
in München und wechselte 1797 zum
Stift Ottobeuren. 1803 trat er wegen seiner
zerrütteten Gesundheit aus dem Orden
aus.
Von 1804-1808 war er Hofmeister beim
Stiftkanzler von Weckbecker in Ottobeuren.
Von 1809-1832 war er Professor für
deutschen Stil und Ästhetik am Kadettenkorps
in München. Aurbacher starb am 25.05.1847
in München.
Werkauswahl
- 1813 Mein Ausflug an den Ammersee
- 1816 Erinnerungen aus dem Leben einer
frommen Mutter (Erzählung)
- 1823 Perlenschnüre (Sprüche)
- 1824 Erinnerungen an Gastein (Gedichte)
- 1826 Dramatische Versuche (Drama)
- 1827-1829 Ein Volksbüchlein
(Erzählungen)
- 1830 Berlenburger Fibel (Erzählungen)
- 1841 Kunz von Rosen (Erzählung)
- 1842 Aus dem Leben und den Schriften
des Magisters Herle und seines Freundes
Mänle (Erzählungen)
- 1881 Gesammelte größere
Erzählungen
- 1889 Historia von den Lalenbürgern
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