An
einen Baum
Bettina von Arnim
Vor zwei Jahren geschrieben am Ostermontag
O
himmlisch Grün, das unter Eis und Schnee in brauner
Hülle sich barg und jetzt dein glühend Haupt im
Antlitz der Sonne krönt.
Geliebter Baum! Könnt ich umwandeln doch in dein
sanft rauschend Laub jene flüsternde Sprossen,
die mit glänzendem Finger die Muse bricht, himmlischer
Glorie voll, die Stirn zu umflechten dem Liebling,
der mit Helm und Speer oder bogengerüstet, wo
viel goldne Pfeile dahinfliegen, oder Rosse jagend
oder mit leichtem Fuß zwölfmal umrennend das Ziel
oder aufleuchtend mit der Flamme des Lieds, um
sie wirbt.
O Baum, dich umdrängt heute der Bienen Schar,
sie ziehen dem Duft nach der honigregnenden Blüte,
sie sammeln ihren befruchtenden Staub und versummen
die Tagesglut in deiner Krone kühlem Rauschen.
Aber dann würd in deinem Schatten ruhn, der König
ist am Mahle des Geists, und nähren würde deine
Wurzel die Flut, die den eignen Gott im Busen
ihm begeistert, zu alleroberndem Triumph.
Begegne dir nichts, was dich beleidigt, o Baum!
Den keiner der Unsterblichen umwandelt. Ich zwar
träume den Frühling in deinem Schatten, und mir
deucht von Unnennbarem widerhallen zu hören rings
die Wälder und die Hügel.
Bettina (Catharina Elisabetha Ludovica Magdalena)
von Arnim geb. Brentano
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